13.09.2006 - Der Papst - sehr persönliche Gedanken zu einem Besuch
Der Papst ist nach Bayern gekommen. Hunderttausende laufen ihm nach und jubeln ihm zu. Ich persönlich halte ihn für einen frommen und integeren Menschen, das ist für mich keine Frage. Aber das, was ich eher am Rande miterlebe, gibt mir sehr zu denken:
1. Äußerlichkeiten
- Der Papst wird heiliger Vater genannt. Ist er das? Nach ersterem zu fragen, ist müßig, denn über den Grad der Heiligkeit eines Menschen hat kein Mensch zu befinden. (Sind „Heiligsprechungen“ nicht Nonsens?) Letzteres, nämlich ein Vater im wirklichen Sinn des Wortes, ist der Papst nicht. Der Papst spricht (zum Beispiel während der Meßfeier auf dem Messegelände Riem) Gott immer wieder mit „Heiliger Vater“ an. Dann kommt der Konzelebrant Kardinal Wetter an die Reihe und sagt: „Laßt uns beten für unseren Heiligen Vater ...“ Wer ist denn nun der heilige Vater? Kann man nicht wenigstens in einer "Papstmesse" auf diese eine Formel verzichten? - Und die Gewänder: Die Mitra, die Meßgewänder. Zwar schön, aber letztlich Relikte aus tiefstem Mittelalter. Mehr noch: So mögen römische Kaiser gewandet gewesen sein. Staatskirchentum? - Kommunionausteilung: Wie gewohnt, nehmen die Zelebranten als erste das „Mahl“. Dann wird an das Volk ausgeteilt. Warum geht das nicht umgekehrt: Zuerst das Volk, dann die Priester? Oder gar: Daß der Zelebrant sich seine „Kommunion“ ebenso abholt, wie die einzelnen Gläubigen. Ein bekannter Zen-Meister kann das, wenn er einer „Feier des Lebens“ vorsteht. - Die Formel des Schlußsegens: "Der Herr segne euch ...". Warum denn "euch" und nicht "uns"? Stehen der Papst oder der Zelebrant denn außerhalb? - Der Papst wird wohl gern als oberster Diener o.ä. bezeichnet. Aber bei der Meßfeier kann er selbst fast nicht den kleinsten Handgriff tun, ohne daß ein anderer eingreift und dies und jenes für ihn tut: Mitra aufsetzen, Mitra absetzen, Meßgewand zurechtrücken usw. usf. Ab einer gewissen Hierarchiestufe muß man sich bedienen lassen. Ein Diener läßt sich bedienen?
2. Inhaltliches
Wortgottesdienst im Münchner Dom. Der Papst: „Bitte, bitte, geht doch am Sonntag zur Kirche. Das gibt eurer Woche eine Mitte... Bitte, bitte, betet doch miteinander in euren Familien! “ (Zitat aus dem Gedächtnis), ausgerufen mit einer beschwörenden, einer kindlich und fast süßlich klingenden Stimme. Der Papst meint schon etwas Richtiges, ja, und doch frage ich mich: Hat das Oberhaupt einer der großen Konfessionen nichts wesentlich anderes mitzugeben? Sind das etwa die erwarteten "spirituellen Impulse", von denen im Vorfeld des Besuches immer wieder gesprochen wurde?
Ökumenischer Vespergottesdienst in Regensburg: Bischof Friedrich spricht drängende ökumenische Fragen an. Der Papst dagegen antwortet im Sinne einer theologischen Abhandlung, geht auf die Anliegen Friedrichs mit keinem Wort ein, spricht eher abstrakt von Agape und Einheit usw. usf..
Hier und auch in den genannten anderen „Veranstaltungen“ habe ich den Eindruck, daß von einem jenseitigen Gott gesprochen, daß ein jenseitiger Gott angerufen wird. Fast wird ein „deus ex machina“ beschworen, der doch, bitte, kommen und endlich die Einheit herstellen möge. Aber möglichst auf katholischer Basis. Dieser Gott, um den es hier geht, ist nicht der Gott, der uns näher ist als wir uns selbst (Augustinus), nicht der Gott, der sich in seiner Schöpfung, in jedem Elementarteilchen, in jedem Molekül, in jedem einzelnen Menschen manifestiert, um sich so selbst zu erfahren. Der Papst spricht wie einer, der das, wovon er predigt, im Tiefsten nicht erfahren hat. Das macht ihn wenig kompetent, in gewisser Weise sogar unglaubwürdig. Der Papst könnte die von ihm so oft beschworene Einheit sofort haben, wenn er und das vatikanische Establishment es nur wollten. Statt dessen speist er die Menschen, die ihm zu Hunderttausenden nachlaufen, mit Allgemeinplätzen und mit theologischen Formeln ab.
3. Visionäres
Warum geht der Papst nicht einfach auf Landesbischof Friedrich zu und sagt: „Ach, Herr Friedrich, 'samma wieda guat'. Vergessen wir doch unsere theologischen Spitzfindigkeiten, die wir uns beispielsweise zu den Sakramenten ausgedacht haben. Sakramente sind Zeichen. Ist nicht alles Geschaffene ein Zeichen für das, was „dahinter“ steht? Für die „eigentliche“ Wirklichkeit, für den Urgrund, für das Leben. Vergessen wir doch die Dogmen, zum Beispiel jenes unselige Dogma der Unfehlbarkeit. Die Zeiten haben sich gewandelt, und die Dogmen müßten ohnehin dringend neu formuliert werden, falls wir sie denn überhaupt noch brauchen. Lieber Herr Friedrich, hören wir doch auf, von einem zürnenden Gott zu predigen, von einem Gott, der seinen Sohn (sind wir nicht alle Söhne und Töchter Gottes?) hat martern und opfern lassen, damit die Beleidigungen, die wir Menschen ihm angetan hätten (übrigens, haben Sie eine Ahnung, welche Beleidigungen das denn sein mögen?), gesühnt würden und damit er uns Menschen wieder mit Wohlgefallen anschauen konnte.“
So oder ähnlich könnte er, nein, so müßte er reden, das wäre wirklich ein spiritueller Impuls, der diesen Namen verdient, damit würde er ein Zeichen geben, auf das die Welt so dringend wartet. Damit würde er „die Welt verändern“.
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